Zur praxistheoretischen Perspektive der Mediatisierungsforschung: Theoretische Grundlagen und analytische Orientierungen am Beispiel mobiler Kommunikationskulturen – Ein Gastbeitrag von Dr. Peter Gentzel

Oktober 14, 2015 7:12 pm Veröffentlicht von Schreibe einen Kommentar

Was ist Mediatisierung?

Die gesellschaftliche Bedeutung, Relevanz und Legitimität der Sozial-, Kultur- und Geisteswissenshaften ist eng gekoppelt an deren Fähigkeit zur Analyse und Beschreibung des sozialen Mit- oder Gegeneinanders sowie der kulturell umkämpften Wissensrepertoires, die Menschen, Dingen und Ideen Bedeutung oder Macht verleihen und Orientierung in der Welt geben: Synchron und diachron; Rekonstruktiv, deskriptiv und kritisch; International und interdisziplinär vergleichend sowie je spezifisch detailliert für den Einzelnen, für Gruppen, Institutionen und Systeme, Gemeinschaften und Gesellschaften. Ihre Aufgaben sind es zu verstehen und zu erklären was zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort vor sich geht, was eine „Epoche“ ausmacht, was warum gut oder weniger gut ist und welche Alternativen es geben könnte.

So weit, so idealistisch, so trivial. Eine Antwort auf die Frage was Mediatisierung ist? oder „was noch gleich die Frage war?“ (Winfried Schulz) ist damit nicht gefunden – wohl aber ein stabiler Orientierungsrahmen. Liest man vor diesem Hintergrund Analysen der Gegenwart, der s.g. Spät- oder Postmoderne, dann sind zwei Aspekte augenfällig: 1. Findet sich in diesem Fächerspektrum kaum eine Analyse – zumindest keine, die mittlere oder große Reichweite beansprucht – in deren Zentrum nicht die Digitalisierung der Medientechnologie und der damit zusammenhängende »epochale« Wandel der Kommunikations- und Sozialstrukturen, der Machtverhältnisse, des kulturellen Orientierungswissens, des Raums, der Zeit, der Institutionen oder des Alltags steht. 2. Betrifft diese »epochale« Veränderung der empirisch analysierten Materialobjekte auch die Formalobjekte der Sozial- und Kulturwissenschaften. Das heißt der Veränderung der sozialen und kulturellen Welt folgt auch eine Veränderung der Theorien über diese. Zudem werden in diesen Disziplinen, häufiger als in den Naturwissenschaften, die paradigmatischen Grundlagen der Erkenntnis (Episteme) sowie die Logik der Methoden immer wieder herausgefordert und kritisch befragt.

Mediatisierung als Konzept, das sich primär an den Grenzen von Kommunikationswissenschaft und Soziologie, von Medien- und Kulturwissenschaften verorten lässt, versucht diesen Veränderungen einen sinnvollen Rahmen zu geben. Es folgt der Annahme, dass sich die eingangs gelisteten Erkenntnisinteressen, Untersuchungs-„objekte“ und Analyseperspektiven heute allesamt damit auseinandersetzen müssen, dass interpersonale, soziale und öffentliche Kommunikation mit, mittels und über Medien, Gesellschaft und Kultur in kaum überschaubarer Menge, Weise und Vielfalt prägt. Es reagiert damit auch auf die Erosion basaler Konzepte und Überzeugungen wissenschaftlicher Disziplinen (für die Kommunikations- und Medienwissenschaft sind dies insbesondere die eingeübten Dichotomien von Massenmedien und Medien der interpersonalen Kommunikation, der Theorie und Analyse von Einzelmedien vs. Hybridisierung und Medienrepertoires, der einen Öffentlichkeit und ihrer medial gesetzten Agenda vs. Fragmentierungsprozesse, den linearen Kommunikationskanälen von Produzenten/Sendern zu Rezipienten/Empfängern vs. Produzung und Prosuming etc.).

Mediatisierung beginnt mit der Annahme, dass der Mensch als animal symbolicum sich und seine Welt kommunikativ konstruiert und das diese kommunikativen Konstruktionen sich verändern sobald Medien im Spiel sind. Ausgehend vom Akteur und der Kommunikation innewohnenden »Macht« (Joachim Reichertz), bspw. Fragen beantworten oder ein Gespräch fortführen zu wollen, also einem originär kommunikations- und medienwissenschaftlich begründete Erkenntnisinteresse, fächert sich der Analyserahmen weiter aus. Er umspannt Akteure, Institutionen, Systeme und versucht die Gegenwart detailliert und aus historisch vergleichender Perspektive zu beschreiben. Dies lässt sich prägnant am Theorem des »Metaprozesses« (Friedrich Krotz) beobachten: Mediatisierung ist demnach ein kultureller und sozialer »Prozess von Prozessen«, ein »Erklärungs- und Strukturierungszusammenhang« (Friedrich Krotz), der nicht nach den mathematischen Gesetze von Linearität und Kausalität funktioniert und nicht innerhalb der akademisch abgesteckten Grenzen zwischen den Disziplinen verharrt. Analog der Metaprozesse »Aufklärung« oder »Globalisierung« geht es um grenzüberschreitende Phänomene und dialektische Prozesse, die sich je unterschiedlich in der Arbeit des Politikers, der globalen Produktions- und Distributionslogik von Unternehmen, dem Lehren und Lernen in der Schule, dem zeitlichen Rhythmus und der räumlichen Struktur des Alltags des Jedermann zeigen und doch „irgendwie“ zusammengehören. Mediatisierung ist der Versuch Geschichte und Gegenwart zu beschreiben indem man auf die Kommunikation und die Medien der Menschen schaut.

Praxistheorie und Mediatisierung

Wie bereits angedeutet – und von Thomas S. Kuhn eingehend beschrieben – sind soziokultureller Wandel und die Veränderung der Episteme, der Theorie und Methodologie wissenschaftlicher Disziplinen, keine getrennten Einheiten. Möglicherweise sind also auch die durchgreifend »mediatisierten Welten« (Friedrich Krotz und Andreas Hepp), also die umfassende Integration digitaler Medientechnologien in den Alltag der Menschen, Bestandteil einer Erklärung für die Tatsache, dass im gesamten Feld der Sozial- und Kulturtheorien lebhafte Debatten um den Stellenwert der Objekte, Techniken, Artefakte und damit auch um die Handlungsmacht der Subjekte entbrannt sind. Diese Debatten sind mit den Titelwörtern »Praxistheorien«, »Science and Technology Studies« (STS) bzw. deren radikalster Form, der »Akteur-Netzwerk-Theorie« (ANT), assoziiert. Die Perspektiven hinter diesen drei Titelwörtern sind vereint in dem Anspruch Materialitäten, Artefakten und Techniken einen adäquaten Platz im sozialwissenschaftlichen Werkzeugkasten einzuräumen. Damit zusammen hängt auch ein zweiter prominenter Anspruch, wonach sie neue Wege zur Vermittlung der structure-agency oder Mikro-Makro-Ebenen bieten. Allein diese äußerst allgemeine Charakterisierung von Praxistheorien, ANT und STS zwingt zu einem genaueren, zu einem analytischen Blick auf ihr Verhältnis zur Mediatisierungsforschung. Denn all diese Ansätze sind – im wissenssoziologischen Sinne – Kinder ihrer Zeit, weil sie in einer von Techniken durchdrungenen Welt nach der Bedeutung dieser Techniken für Kommunikation und Handeln fragen. Zudem suchen beide nach einem guten Mittelweg der Sozial- und Kulturforschung, um zwischen der Skylla des Motivs einer Handlung und der Charybdis einer allumfassenden Hegemonie der Struktur, hindurch zu segeln. Zudem starten (außer die ANT) sie dafür beim Menschenbild des animal symbolicums. Anders formuliert: Der im kommunikationswissenschaftlichen Kontext entwickelte Ansatz der Mediatisierung weist sowohl in seiner Stoßrichtung (wissenssoziologische Beobachtung) als auch in seiner theoretisch-analytischem Architektur (konzeptionelle Beobachtung) eine Vielzahl von Gemeinsamkeiten zur musterhaften Veränderung der Episteme, Sozial- und Kulturtheorien (Praxistheorie) im gesamten sozialwissenschaftlichen Feld auf.

Während die Medienwissenschaften ihre Grundbegriffe und Analysemethoden seit gut einem Jahrzehnt im Hinblick auf praxistheoretische Argumente überprüfen (u.a. Lorenz Engell, Erhard Schüttpelz, Bernhard Siegert), wird mit der Monografie »Praxistheorie und Mediatisierung« erstmals ein Versuch unternommen, das Verhältnis von Praktiken, Kommunikation und Medien zu bestimmen. Das Ziel des Buches ist der Einstieg in eine grundlegende Diskussion der disziplinären Perspektive auf kommunikative Praktiken im weiteren und eine systematische Verbindung von Praxistheorie und Mediatisierung im engeren Sinne. Das Versprechen ist die Eröffnung eines gemeinsamen sozial- und kulturwissenschaftlichen Gesprächs um die Gestalt unserer Gegenwart. Eines Gesprächs in einer „gemeinsamen Sprache“ und mit offenem Ausgang.

Zur »Familienähnlichkeit« von Praxistheorie und Mediatisierung

Der vergleichenden Diskussion von Praxistheorien und Mediatisierungskonzept ist die These einer »Familienähnlichkeit« (Ludwig Wittgenstein) eingewoben. Damit ist eine grundlegende Übereinstimmung der erkenntnistheoretischen Positionen, der sozial- bzw. kulturtheoretischen Architektur und der analytischen Perspektive gemeint. Eine Übereinstimmung, die, obgleich augenfällig, nur zum Preis eines „verbeulten Verstandes“ (L. Wittgenstein) vollständig taxonomierbar wäre.

In epistemologischer Hinsicht halten es die meisten Praxistheoretiker mit den Sozialphilosophien Martin Heideggers und Ludwig Wittgenstein (u.a. Theodore R. Schatzki), d.h. konkret mit dem »Dasein« und den »sozialen Regeln«.

Heideggers opus magnum »Sein und Zeit« ist ein Plädoyer gegen das Denken in Dualismen, Entitäten und kausalen Beziehungen, wie es Philosophie, Sozial- und Kulturwissenschaften in ihrem Bemühen um „exakte“ Methoden von den Naturwissenschaften übernommen haben. Heidegger zufolge lässt sich ein menschliches Individuum nicht im Sinne eines Quantors verstehen und dessen Bezüge zu Mitmenschen, Dingen und Ideen nicht formalisiert und quantifiziert wiedergeben. Im Gegenteil: Diese Analyselogik verursacht ein irreversibles »Überspringen« der »Welt«, weil nach der formalisierten »Dekontextualisierung« von sozialen und kulturellen Bezügen eine »Rekontextualisierung« (Hubert Dreyfus) nicht mehr möglich ist. Oder anders gewendet: Was es für Bedeutungskonstitution und Sinnstiftung braucht, wie diese funktionieren und welche konkrete Gestalt sie in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft haben, bleibt in Analysen korrespondeztheoretischer Provenienz dunkel. In der Folge untersucht Heidegger die Verhaltensweisen des Menschen zu sich selbst, zu Ideen, Dingen und Mitmenschen. Praxistheoretisch aufgegriffen wird dabei die Beobachtung, dass Menschen sich zumeist in der »Seinsweise des Man« bewegen und ihm die Dinge der Welt primär »zuhanden« sind, wissenschaftlich analytisch aber meistens als »vorhandene« beschrieben werden. Das heißt erstens, Menschen handeln primär wie »man« eben handelt, wie es angemessen, normal und selbstverständlich ist. Und zweitens, dass wir mit den Dingen in unserem Alltag einfach umgehen. Nur wenn sie exakt beschrieben werden sollen greifen wir auf Maßzahlen zurück, weswegen diese (dekontextualisierte) Beschreibungsform eine andere, eine abgeleitete ist.

Wie man sich diese vielschichtigen Verbindungen und Kontexte in der alltäglichen Lebenswelt vorstellen kann, lässt sich anhand Wittgensteins Figur der »sozialen Regeln« präzisieren. Am Beispiel basaler Kommunikationspraktiken des Sprechens zeigt dieser auf, dass deren soziokulturelle Regeln im Sinne von »Gepflogenheiten« funktionieren und somit grundlegend anders konstituiert sind als etwa physikalische Regeln. So sind sie nur solange existent, wie sie auch befolgt werden und sie variieren von Kontext zu Kontext (bspw. in Abhängigkeit von Akteurskonstellationen, konkreten Zeitpunkten und Räumen). Formalisiert und isoliert (oder »dekontextualisiert«) man eine soziale Regel aus ihrem Kontext, begräbt man gleichsam deren Bedeutung, weil sie die Regeln ihrer Anwendbarkeit – anders als mathematische Regeln – nicht mit sich trägt. Eine zweite Emphase legt Wittgenstein auf den impliziten Charakter sozialer Regeln. Das heißt soziale Regeln sind mitunter der rationalen, bewussten Reflexion vorgelagert. Die Ordnung der Welt folgt damit keinem korrespondenztheoretischen Muster und deren wahre Entdeckung wird auch nicht durch Gott, die Vernunft oder die Mathematik abgesichert. Kommunikative Praktiken lassen sich also nicht mittels Addition und Verteilungsschemata reflektierter Antworten erklären, sondern können nur durch Teilnahme am kommunikativen Geschehen verstanden und beschrieben werden.

Die Folgen für eine praxistheoretisch akzentuierte Kommunikation- und Medienforschung können an dieser Stelle anhand zweier Hinweise bloß angedeutet werden: So orientieren das »Daseins« (als Subjektmodell) und die »sozialen Regeln« (als Verhaltensweisen) auf das Menschenbild des animal symbolicums, einem Menschen also der genuin in Verhältnisse eingebettet ist: symbolisch und kulturell, sozial und unteraktionistisch, zu Mitmenschen, Dingen, Ideen und sich selbst. Mit dieser „Verhältnishaftigkeit“ eines symbolischen Wesens lässt sich wiederum die Angemessenheit all jener Kommunikationsmodelle befragen, die bei der Begegnung zweier, isoliert, autonom und monadisch gedachter Menschen (oder Gehirne) nach Verständigung suchen – und Kommunikation schließlich entweder für »sehr unwahrscheinlich« oder für »nicht nicht möglich« halten. Schließlich genügt dann auch ein bloßer Verweis auf vermeintlich „neutrale“ Logiken (bspw. Verteilung, Mittelwert, Menge, Vernunft, Rationalität, Gott) nicht mehr, um Analyseergebnisse, -präsentation und -geltungsbereiche zu begründen. Demgegenüber gilt es die »Ordnung der Dinge«, die spezifischen »skillful practices« und die alltäglich normalen sozialen Interaktionsordnungen aus teilnehmender Perspektive kritisch und reflexiv (weil auch die wissenschaftliche Auslegungspraxis eine gewordene und historisch variante ist) zu beschreiben.

Dieser epistemologischen Positionierung folgt eine Diskussion der sozialtheoretischen Entwicklungen seit dem »cultural turn«. Dabei wird die These einer »Konvergenzbewegung der sozialphänomenologischen und der poststrukturalistischen Tradition« (Andreas Reckwitz) nachgezeichnet. Unter den Vorzeichen einer »Dezentrierung des Subjekts«, beispielhaft diskutiert anhand Erving Goffmans Konzept der Rahmen und ihrer Modellierungen, und einer »Entmystifizierung der Struktur«, beispielhaft diskutiert anhand Pierre Bourdieus Trias von Habitus – Feld – Kapital, wird die grundlegende Architektur praxistheoretischer Kulturtheorie anhand zweier „Klassiker der Kommunikationswissenschaft“ entwickelt. Im Hinblick auf einen tragfähigen Begriff kommunikativer Praktiken leiten sich aus diesen Diskussionszusammenhängen außerdem die miteinander verbundenen Eigenschaften „symbolischer Markierung“ (in Anlehnung an E. Goffman) und „sozialer Strukturierung“ (in Anlehnung an P. Bourdieu) ab.

Auf Basis dieser detailliert ausgearbeiteten epistemologischen und sozialtheoretischen Eigenschaften werden anhand der Begriffe Wissen, Alltag, Kultur und Technik schließlich vier Diskussionsräume aufgespannt, die Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Brückenschläge von Praxistheorien und Mediatisierungsforschung benennen. Gleichsam treten damit auch die konzeptionellen Konturen eines interdisziplinären Diskussionsraums zu Tage.

Exploration: Eine Kulturgeschichte der Mobilkommunikation in Werbebildern

Die epistemologische und sozialtheoretische Fokussierung auf »Praktiken« wird im zweiten Teil der Studie in eine Analyse der gut 25jährige Geschichte der Mobilkommunikation überführt. Die Qualität einer solchen Akzentverschiebung zeigt sich dann bspw. in der Möglichkeit »dezentrierter« und »skalierbarer« (Andreas Hepp) Analyseobjekte insofern der Zugriff über Praktiken weder von einer singulären, abschließend definierten Entität »Medium Mobiltelefon« noch allein von dem Motiv des Nutzers abhängt.

Aussagen und Beobachtungen zur Kulturgeschichte der Mobilkommunkation werden anhand von Werbeanzeigen aus den größten deutschen Publikumszeitschriften (u.a. Der Spiegel, Focus, Stern, diverse TV-Zeitschriften) gewonnen. Dieses, bisher kaum genutzte, Quellenmaterial ermöglicht einen kontinuierlichen Einblick in die Entwicklung gesellschaftlich anerkannter Gebrauchsmotive und -kontexte (bspw. Orten, Zeiten, sozialen Figurationen) sowie der technischen Entwicklung (bspw. Leistungsfähigkeit, „Hybridisierungsprozess“ des Mediums „Telefon“, Größe, Gewicht und Design). Diesem Vorteil einer lückenlosen Dokumentation über 25 Jahre steht der Nachteil einer »strukturelle Einseitigkeit« des Quellenmaterials Werbeanzeigen gegenüber. Denn diese bieten immer nur Einblicke in die ökonomisch gewollten, forcierten Entwicklungen und sind weder Objektivität noch Wahrheit verpflichtet. Sie werden deshalb als prospektive »user de-signs« verstanden (Heike Weber), deren Bilder anhand langfristig orientierter Auswertungsstrategien und dem konsequenten Abgleich mit weiteren Studienergebnissen eingeordnet werden.

Exemplarisch lassen sich an dieser Stelle drei Beobachtungs- und Interpretationszusammenhänge skizzieren, die jeweils eine Dimension von Praktiken in den Vordergrund stellen: Zeit, Raum und Materialität. Diese stark komprimierte und selektive Darstellung zielt auf das eingangs erwähnte Versprechen, kommunikationswissenschaftliche Analyse für interdisziplinäre Diskussionsräume zu öffnen. Es gilt zu berücksichtigen, dass mit dieser Verkürzung Abstriche bei der Komplexität einhergehen und die feinen Abhängigkeiten und kleinen Entwicklungen in den unterschiedlichen Dimensionen von Praktiken – bspw. zwischen Akteurskonstellation und Gerätedesign – nicht darstellbar sind.

Zeitpunkte – und »soziale Beschleunigung«

Eine analytische Beschreibungsfolie für den Mediatisierungsprozess an der Schwelle zur Spätmoderne wird in Form der Dualität von »Entgrenzung und Integration« (Friedrich Krotz) mediatisierter Kommunikation geboten. Einen prominenten Platz in diesem Muster hat die Zeit – zunächst im Sinne der Auflösung fester Zeitpunkte des Mediengebrauchs im Alltag. Dieses allgemeine Muster findet sich nach Auswertung der Werbeanzeigen für Mobilkommunikation bestätigt: Die Auflösung der Grenzen zwischen Freizeit, Arbeitszeit, Wege- oder Wartezeiten sind ein zentrales Thema der Werbung für Mobilkommunikation. So lässt sich für den Zeitraum von 1991 bis knapp vor den Jahrtausendwechsel eine absolute Dominanz beruflicher Kommunikationskontexte feststellen. In den folgenden Jahren greifen die werblichen Inszenierungen von Mobilkommunikation schrittweise auf Zeiträume über, die dem Urlaub, der Partnerschaft, den Kindern und schließlich einer breiten Palette von Freizeitaktivitäten (Sport, Partys, Konzerte etc.) gewidmet sind.

Besonders augenfällig – und das offerierte Muster der zeitlichen »Entgrenzung und Integration« erweiternd – sind zudem die Motive bzw. Versprechungen von Effektivitätssteigerung, Zeitgewinn, gesteigerter Flexibilität und schließlich „autonomen Zeitmanagement“. Hier lässt sich ein Prozess erkennen, der in vielen Punkten mit aktuellen zeitsoziologischen Untersuchungen zusammenfällt. Beispielsweise lassen sich ganz wesentliche Aspekte der kritischen Analyse »sozialer Beschleunigung« (Hartmut Rosa) als inszenierte Verkaufsmotive wiederfinden: So spielt zwischen 1991 und 1998 neben der Effizienzsteigerung die Eliminierung von Warte- und Wegzeiten eine prägende Rolle. Das heißt, man steht nicht mehr im Stau oder fährt zur Arbeit sondern organisiert und kommuniziert. Später wartet man nicht mehr auf Bahn, Bus und Flugzeug sondern informiert sich über Börsendaten, schaut nach Veranstaltungstipps oder checkt die Sportergebnisse. Seit etwa 2009 herrscht schließlich die absolute Zeitsouveränität als Verkaufsargument vor: So kommt „erst die Arbeit und erst das Vergnügen“, „Ehrgeiz heißt nicht (mehr, P.G.) dass man mit seiner Zeit geizen muss“, man kann „zwei Unternehmen gleichzeitig führen“ (Beruf und Familie), lebt „immer on“ und „ohne Logout“. Interessanterweise beginnt etwa mit dem Jahr 2010 auch die vermehrte Darstellung von „Pausenzeiten“ und „Auszeiten“, die mittels mobiler Kommunikationspraktiken individuell und jederzeit eingelegt werden können.

Selbstredend – weil in der Eigenlogik werblicher Massenkommunikate verankert – werden stets nur die positiven, gewollten Gratifikationen der Zeitersparnisse dargestellt. Zeitsoziologische Studien, kritische Analysen der Gegenwart, die eigene Erfahrung, der gesunde Menschenverstand und schließlich auch die zusammenhängende Betrachtung der Werbemotive im Zeitverlauf (bspw. von der Effizienzsteigerung zur Pausenzeit) ergänzen diese Narration allerdings mit Fragen, die kommunikationswissenschaftlich kaum gestellt, im interdisziplinären sozialwissenschaftlichen Diskurs dagegen rege bearbeitet werden.

1 Anzeigetafel Zeit Bild 1

2 Anzeigentafel Zeit Bild 2

3 Anzeigentafel Zeit Bild 3
Nutzungsorte – und »Raumtransformation«

Auch die zweite, die räumliche Dimension der Beschreibungsfolie »Entgrenzung und Integration« weist ähnliche Analyseergebnisse auf. So lässt sich zunächst verfolgen, wie sich zwischen 1991 und 2006 die Orte der Mobilkommunikation von Arbeitsplatz, Warte- und Transitzonen über ferne Orte (Urlaub, Geschäftsreise) bis auf das Zuhause, Sportplätze, Nachtclubs und Partylocations ausweiten. Das Quellenmaterial selbst legt einer systematischen Beschreibung des Raums zudem nahe, sich mit der Transformation konkreter Orte (Büro, Zuhause) sowie den Typen der Darstellung von »Welt« und »Grenze« eingehender auseinanderzusetzen.

So dominiert das Überwinden physischer und politischer Grenzen zwischen Staaten und Kontinenten die werblichen Inszenierungen in der ersten Dekade der Mobilkommunikation. Nachdem ein gemeinsamer europäischer Standard etabliert wurde und auch die interkontinentale Mobiltelefonie kein Alleinstellungsmerkmal eines Anbieters mehr darstellt, transformieren sich die Alltagsorte selbst. So ist das „Zuhause größer als man denkt“, weil die „Homezone“ auch bis zum Bäcker, Frisör und den Supermarkt reicht; so ist das „Büro so groß wie die Erde“, weil man überall erreichbar ist; und so hält   man um das Jahr 2005 schließlich „die ganze Welt in einer Hand“, weil neben der Telefonie auch Informationen abrufbar, Aktivitäten koordinierbar, Bilder, Musik und Befindlichkeiten für ganze Gruppen (oder Teilöffentlichkeiten) anzeig- und austauschbar sind. Diese Narration verwandelt sich schließlich um 2009 ein weiteres Mal. »Welt« als Wort und Bild steht nun nicht mehr für die Überwindung physischer, politischer oder kultureller Grenzen sondern für die je eigene Bedürfnis- oder Interessenlage, für das „individuelle“ soziale Netzwerk, die individuellen „Lieblingssongs“, „Lieblingsorte“ und „Lieblingsmarken“. Die artifizielle »Welt« in den Anzeigen für Mobilkommunikation bedeutet keine physische Ausdehnung mehr sondern steht für die ortsunabhängige Sicht, Wahrnehmung, Gestaltung und Koordinierung des Handelns gemäß der eigenen Bedürfnisse und Vorlieben. Damit wird die »Welt« gewissermaßen zum Synonym für das eigene Smartphone. Sie ist, in der Bildsprache der Werbung, nun in dieses hineingewandert und ergänzt so „reale“ Situationen mit (vermeintlich) individuellen Bedeutungs- und Interpretationsschemata (insbesondere im Zusammenhang mit Navigationsfunktionen, Anwendungen wie Qype, SNS-Apps). Diese Phänomene sind nun erneut keine singulären und arbiträren Ergebnisse einer Anzeigeninterpretation, sondern decken sich mit Analyseergebnissen, die im interdisziplinären Diskurs unter den Signets »augmented reality« (Friedrich Krotz), »Hybridisierung« (Alexander Unger), »Virtualisierung« (Metzner-Szigeth) oder transformierter »(An-)Ordnung des Raums« (Martina Löw) diskutiert werden.

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Technische Entwicklung – und »Normalisierung«

Das analytische Potential einer praxistheoretisch akzentuierten Kommunikations- und Medienforschung sei nun abschließend mit Blick auf die technische Entwicklung indiziert. Die weit überwiegende Mehrheit der (Entwicklungs-)Geschichten von Mobilkommunikation versteht technische und materielle Innovationen als isolierte Kategorie, die zumeist als chronologische Aufzählung gesteigerter Leistungsmerkmale (insbesondere hinsichtlich der Entwicklung zum Hybridmedium) präsentiert wird. Diese »dekontextualisierte« Darstellungsweise erscheint allerdings unausgereift sobald der empirische-analytische Zugriff über Praktiken, statt individuelle Intentionen oder entitätische Medien-Artefakte, erfolgt. Schließt man nämlich an Konzepte »relationaler Technik« (Karl H. Hörning) an, etwa in Form des »Normalisierungsmodells« wie es in den Science and Technology Studies reüssiert, zeigen sich die vielfältigen Verflechtungen zwischen gesellschaftlichem und technischem Wandel.

Auch die Entwicklungsgeschichte mobiler Kommunikationskulturen wird durch diese Perspektive bereichert. Ein erstes Beispiel hierfür ist die Zeitspanne zwischen 1996 und 2002. So zeigen sich in den prospektiven user de-signs der Werbeanzeigen interessante Verschiebungen in der Inszenierung technischer Eigenschaften: Während Ende der 1990ger Jahre Miniaturisierungsentwicklungen im Vordergrund stehen, die das Handy als leichten und kleinen Begleiter im Alltag inszenieren (bspw. neben dem Schlüsselbund oder im Brillenetui), gewinnt mit der Jahrtausendwende die Ausdifferenzierung unterschiedlicher Gerätetypen (Klapp- und Schiebehandys) an Bedeutung. Diese Ausdifferenzierung der Geräte wird bis etwa 2006 sehr deutlich mit Distinktionsgewinnen als Verkaufsargumenten flankiert. Eine kommunikations- und mediensoziologisch sensible Interpretation verweist in diesem Zusammenhang auf die Zusammenhänge zum Prozess der massenhaften Verbreitung des Handys (Handy als Alltagsgegenstand) und dem damit einhergehenden Verlust des Distinktionspotentials qua Besitz. Zumindest bis zum Aufkommen der Smartphones 2007/2008 spielt das „kultivierte“, „edle“ oder „stilvolle“ Design der verschiedenen (Klapp-, Schiebe- oder „Tastatur“-)Handys, die mal aus „Edelstahl“ oder „Silber“ und mal aus „Liquid-Metall wie es im Space-Shuttle verwendet wird“ und „Leder, wie es einen Aston Martin auszeichnet“ gefertigt sind und so „den Unterschied ausmachen“ bzw. „cool“, „sexy“, glamourös“ sind und zum „guten Aussehen“ oder „Lebensstil“ beitragen, eine herausragende Rolle. Oder anders: Distinktionszeichen verlagern sich mit der gesamtgesellschaftlichen Verbreitung des Handys vom bloßen Besitz auf die Gestaltung und das Design des Artefakts. Seit 2008 wird die Inszenierung der Distinktionsvorteile qua Artefaktgestaltung (Modell, Design, Farbe) wiederum von einer nun massiven »Individualisierung« in den Hintergrund gestellt. Die Entwicklungslinie setzt etwa um 2005 ein und bezieht sich (vor den Smartphones) weit überwiegend auf die äußerlich Gestalt der Geräte (Ausnahme: Hintergrundbilder und Anrufmelodien, Töne) – bei Jugendlichen und jungen Menschen v.a. durch Selbstgestaltung mittels Aufklebern, Anhänger u.ä., bei Frauen bspw. durch wechselbare „glamouröse“, „sportliche“ oder „klassische“ Handyschalen. Mit dem Aufkommen der Smartphones wandert diese Individualisierung verstärkt von Außen nach Innen, von der Hard- zur Software (die „äußere“ Individualität wird nun mittels Handyhüllen fortgeschrieben). Individualität wird nun anhand des persönlichen App-Portfolios und der herausragenden Bedeutung jederzeit und jedenorts verfügbarer Freunde bzw. persönlicher Netzwerke hergestellt.

Auch diese sehr kurze Darstellung, welche bspw. die Entwicklung zum »Hybridmedium« völlig unberücksichtigt lässt, dokumentiert welche Potentiale sich für die Beschreibung sozialer und kultureller Aspekte von Kommunikation aus einer kontextualisierenden, praxistheoretischen Perspektive ergeben. Schließlich lässt sich auch mittels dieser, vermeintlich am wenigsten „sozialen“ und „kulturellen“, Kategorie der Technik, nahtlos an die interdisziplinäre Diskussionen, in diesem Fall an Techniksoziologie und Science and Technology Studies (»Normalisierungskonzept«) bis hin zu kritischer Sozialforschung (Gestalt und Bedeutung der »massenhaften Individualisierung«?) anknüpfen.

 

Literatur:

Dreyfus, Hubert L. (1995): Being-in-the-world. A Commentary on Heideggers “Being and Time” Division I, Cambridge: MIT Press.

Heidegger, Martin (2001): Sein und Zeit. Tübingen: (18. Aufl.) Niemeyer.

Hepp, Andreas/Krotz, Friedrich (2012): Mediatisierte Welten: Forschungsfelder und Beschreibungsansätze – Zur Einleitung. In: dies. (Hrsg.): Mediatisierte Welten. Forschungsansätze und Beschreibungsfelder, Wiesbaden: VS-Verlag, 7–23.

Hörning, Karl H. (2001): Experten des Alltags. Die Wiederentdeckung des praktischen Wissens, Weilerswist: Velbrück.

Engell, Lorenz/Siegert, Bernhard (Hrsg. 2010): Kulturtechnik. Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung. Hamburg: Felix Meiner.

Krotz, Friedrich (2001): Die Mediatisierung kommunikativen Handelns. Der Wandel von Alltag und sozialen Beziehungen, Kultur und Gesellschaft durch die Medien, Wiesbaden: Westdeutscher.

Krotz, Friedrich (2012): Von der Entdeckung der Zentralperspektive zur Augmented Reality: Wie Mediatisierung funktioniert. In: Hepp, Andreas/ Krotz, Friedrich (Hrsg.): Mediatisierte Welten. Forschungsansätze und Beschreibungsfelder, Wiesbaden: VS- Verlag, 27–55.

Löw, Martina (2001): Raumsoziologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Metzner-Szigeth, Andreas (2008): Von Cyber-Identitäten, virtuellen Gemeinschaften und vernetzer Individualisierung – sozial-psychologische Überlegungen. In: Sic et Non. Zeitschrift für Philosophie und Kultur. Im Netz, Nr. 9 (2008),  1–35. Internetquelle: http://www.sicetnon.org/content/pdf/cyber-ident.pdf; Zugriff: 12.12. 2011

Reckwitz, Andreas (2008): Die Transformation der Kulturtheorien. Zur Entwicklung eines Theorieprogramms. Weilerswist: (2.Aufl.) Velbrück.

Reichertz, Jo (2009): Kommunikationsmacht. Was ist Kommunikation und was vermag sie? Und weshalb vermag sie das? Wiesbaden: VS-Verlag.

Schatzki, Theodore R. (1996): Social Practices. A Wittgensteinian Approach to Human Activity and the Social, Cambridge: Cambridge University Press.

Schüttpelz, Erhard (2006): „Die medienanthropologische Kehre der Kulturtechniken“, in: Archiv für Mediengeschichte („Kulturgeschichte als Mediengeschichte (oder vice versa?)“), 87–110.

Schulz, Winfried (2013): Medialisierung – Was war noch gleich die Frage? In: Nikolaus Jackob et. al. (Hrsg.), Realismus als Beruf. Beiträge zum Verhältnis von Medien und Wirklichkeit. Wiesbaden: VS-Verlag, 49–66.

Unger, Alexander (2010): Virtuelle Räume und die Hybridisierung der Alltagswelt. In: Grell, Petra/Marotzki, Winfried/Schellhowe, Heidi (Hrsg.): Neue Digitale Kultur- und Bildungsräume. Wiesbaden: VS-Verlag, 99–117.

Weber, Heike (2008): Das Versprechen mobiler Freiheit: Zur Kultur- und Technikgeschichte von Kofferradio, Walkman und Handy. Bielefeld: transcript.

Wittgenstein, Ludwig (2003): Philosophische Untersuchungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

 

Abbildungsverzeichnis

Anzeigentafel Zeit

1. Der Spiegel 1991, Nr. 23, S. 89. © Nokia
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4. Focus 2006, Nr. 37, S. 47. © Nokia
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2. Der Spiegel 1999, Nr. 32, S. 69. © Nokia
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Dieser Artikel wurde verfasst von Peter Gentzel

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