Mediatisierte Alltagsorte: Wie öffentliche Meso-Kommunikation uns in der Stadt begleitet – Ein Gastbeitrag von Christine Domke

April 16, 2015 10:00 am Veröffentlicht von Schreibe einen Kommentar

Die Rede von der Mediengesellschaft ist alt. Bereits vor 20 Jahren hat Niklas Luhmann, wenngleich in anderer Terminologie, die Relevanz der medialen Konstruktionen für die moderne Gesellschaft nachhaltig beschrieben. Jünger ist die Frage nach der konkreten Geprägtheit des alltäglichen Lebens durch Medien: Wie sehr Medienrezeption und Mediennutzung den beruflichen wie privaten Alltag (mit-)bestimmen und welche Folgen die gegenwärtige Medienpräsenz für den Einzelnen und gesellschaftliche Interaktionsformen hat, wird im Sinne des Ansatzes von Friedrich Krotz als „Mediatisierung“ untersucht. Damit steht derzeit die Bedeutung von technisch-medialer Kommunikation in verschiedenen Diskursen und auch an verschiedenen Orten im Fokus. Dieses Verhältnis von gegenwärtigen Kommunikationsmöglichkeiten und Orten des Alltags bildet das Thema der hier vorgestellten Neuerscheinung.

Der öffentliche Raum als mediatisierter Ort

Die von mir vorgelegte Studie zur „Betextung im öffentlichen Raum“ findet ihren Beginn an einem ganz konkreten Ort, dem Bahnhof (im Buch ist es vor Analyse vieler anderer der in Osnabrück, hierzu Kapitel 1). Sie fragt von dort weiter gehend nach der Beschaffenheit der dort wahrnehmbaren öffentlichen und damit jedermann entgeltfreien Kommunikation: Was finden wir als Gehende, Suchende oder Einkaufende im öffentlichen Raum an Kommunikation vor? Welche der Texte zielen darauf, uns an dem unvertrauten Ort die Suche nach Gleisen, Einrichtungen oder bestimmten Gebäuden zu erleichtern? Welche Kommunikation (werbende, politische, private) sucht an diesen Orten gleichermaßen unsere Aufmerksamkeit und welche gesellschaftlichen Diskurse werden wahrnehmbar? Welche Inhalte sind hörbar, welche sind sichtbar und welche sind tastbar? Und welche medialen, semiotischen und lokalen Ressourcen werden jeweils genutzt? Im Gesamt geht es somit um das, was Mediatisierung eines alltäglichen Ortes in der Wahrnehmung öffentlich zugänglicher Kommunikation konkret ausmacht.

Öffentliche Texte und ihre Ordnung

Offensichtlich wird bereits beim bloßen Blick in den Bahnhof und die von dort erreichbare Innenstadt eine bis dato analytisch eher übersehene ausdifferenzierte Textwelt: Sie umfasst u.a. Zugankunfts-Durchsagen, Fahrplan-Aushänge, Orientierungs-Leitsysteme, Verspätungs-­Anzeigen, Info-Screens, Werbe-Plakate sowie Verbots-Schilder. Auf die disziplinäre Grundlage der Arbeit in der Medien­linguistik folgt naturgemäß zunächst die Suche nach feststellbaren Relationen zwischen Textualität, semiotischer Struktur und Medien. Der medien­linguistische Blick bietet hier Ordnung in Bezug auf die genutzten kommunikativen Praktiken (in der Medienlinguistik im Sinne Hollys auch definiert als Kommunikations­formen) an: Er unterscheidet u.a. zwischen der Orts- und Zeit(un-)ge­bun­denheit, der Anzahl möglicher Kommunikationsbeteiligter sowie der Art der Medialität. Systematisch werden so u.a. dauerhaft wahrnehmbare, ästhetisch stark konventionalisierte Richtungsschilder von allein temporär hörbaren Abfahrtsdurchsagen sowie von in Augenhöhe lesbaren papierenen Gesuchen (u.a. nach Wohnungen oder entlaufenen Katzen) mit individuellerer Typographie herausgearbeitet (hierzu Kapitel 6).

Kommunikative Raumgenese: Wie Texte Orte als Räume „lesbar“ machen

Um die Frage nach der Funktion der Kommunikation im öffentlich begehbaren Raum umfassender und differenzierter stellen zu können, muss der analytische Blickwinkel erweitert werden. Aus diesem Grund erfolgt der Rekurs (siehe Kapitel 2, 4 und 9) auf die interaktionssoziologische Ordnung Erving Goffmans, auf ethnomethodologische Analysen Harold Garfinkels, auf Beobachtungs­unter­scheidungen Niklas Luhmanns sowie die kulturwissenschaftlichen Ansätze von Michel de Certeau und Marc Augé. Um den Gedanken von einer Gesellschaft, deren zentrale und alltägliche Diskurse zunehmend und differenziert durch Medienpräsenz und Mediennutzung geprägt ist, mit alltäglichen Orten verbinden zu können, hat sich die Ort/Raum-Unterscheidung von Michel de Certeau als anschlussfähig erwiesen. Die in der (noch) aktuellen Raumdebatte (zum „spatial turn“ siehe Kapitel 2) leitende Annahme vom sozial hergestellten Raum findet bei de Certeau und seinem performativen Raumverständnis eine geeignete Grundlage. Im Sinne systemtheoretischer Beschreibungen wird ein geographisch adressabler Ort, etwa ein Bahnhof, so zur Grundlage von kommunikativen Raumkonstruktionen und als kommerzieller, öffentlich oder politischer wahrnehmbar. Wie hörbare, sichtbare und tastbare Kommunikation dazu beiträgt, dass wir einen Ort als einen u.a. begehbaren, öffentlichen, reglementierten oder privaten Raum wahrnehmen können, rückt so in das Zentrum der Studie. In den empirischen Kapiteln (5–8) wird demfolgend herausgearbeitet, dass und wie Texte mit ihren jeweils distinktiven funktionalen, semiotischen und medialen Merkmalen Marktplätze, Bahnhöfe und Straßen als bestimmte Räume „lesbar“ (im Sinne Ludwig Jägers) machen. Fokussiert wird dabei auch, was von der angewandten Sprachwissenschaft zur Diskussion um den „mediatisierten Raum“ der Gegenwart beigetragen werden kann und wo Verbindungsmöglichkeiten zwischen interdisziplinären Fragestellungen (Kapitel 2) bestehen und vertieft werden können.

„Gebrauchsanleitungen“ für den Gehenden: Grundlagen der Rekonstruktion  

Einen mediatisierten Alltagsort analytisch zugänglich zu machen, bedingt empirische Daten, die die raumgenerierende Kommunikation nachzeichnen lassen. Die gewählte Lösung umfasst ein Fotokorpus von ca. 2300 Fotos primär deutscher (aber auch anderer europäischer) Großstädte, Tonaufnahmen von Bahnhöfen und Flughäfen sowie ethnographische Beobachtungen. Wenngleich Fotos bekanntlich nichts „objektiv festhalten“, liegt in ihrer Wahrnehmungsnähe (im Sinne Klaus Sachs-Hombachs) eine angemessene Möglichkeit, aus der Perspektive des Gehenden Wege und die sie prägende Kommunikation zu dokumentieren. Der stärkere Fokus in der Untersuchung des Materials auf empraktische (im Sinne Karl Bühlers), somit handlungsunterstützende Kommunikate und werbende, jedoch nur punktuell private und künstlerische ist dem Machbaren geschuldet. Dass die Betextung des öffentlichen Raumes durch den infrastrukturellen Diskurs erfolgt, liegt in der Natur der Sache, können viele dieser richtungsweisenden oder steuernden Texte doch mit dem Anthropologen Augé als „Gebrauchsanleitungen“ moderner „Nicht-Orte“ verstanden werden, die dem Einzelnen beim Erreichen seines eigentliches Zieles, wie etwas zu finden, helfen sollen.

Was Werbung nutzt: Meso-Kommunikation als (eine) Lösung

Dass Werbung (hierzu Kapitel 8) an und auf Straßen, Plätzen, Bahnhöfen und Fassaden gleichermaßen omnipräsent ist, lässt sich mit den strukturellen Eigenschaften öffentlicher Kommunikate erklären. Öffentlich wahrnehmbare Texte gehören zu keinem des oftmals (noch) herangezogenen dichoto­mischen Unterscheidungspaares Mikro-/Makro-Kommunikation (siehe Kapitel 3): Vielmehr vereinen die Texte (in) der Stadt strukturelle Eigenschaften auf der bis dato noch wenig systematisch beschriebenen Meso-Ebene. Mit der Kommunikation unter Anwesenden teilen sie die Überschaubarkeit der Beteiligten: Ein Straßenschild oder eine Durchsage ist niemals von unendlich vielen, sondern allein von am Ort zu einem Zeitpunkt möglichen Anwesenden rezipierbar. Mit der Massenkommunikation haben sie die Entlastung des Produzenten von der lokalen Anwesenheit gemeinsam sowie die eingeschränkte Möglichkeit, für den Vollzug der Kommunikation notwendige Räume zur Interaktion bzw. Rezeption zu generieren: Medien-Material ist für zeitungebundene Mitteilungen an mehrere zugleich unerlässlich Bedingung; sie führt zur Einschränkung der Ortswahl und der Platzierung der Beteiligten (in Sichtweite zum Schild, zum Bildschirm u.a.); die alltägliche Interaktion zu zweit kann in der Regel viel variabler Interaktionsräume hervorbringen. Werbung nutzt diese Kommunikationsstrukturen (hierzu Kapitel 8), indem sie die Anwesenheit der Rezipienten an bestimmten Orten (aus-)nutzt und nicht selten inhaltliche Ortsgebundenheit inszeniert, um die Aufmerksamkeit der Gehenden und Wartenden zu binden. Fern der konkurrenzgeplagten Massenwerbung kann so ortsgebunden(er) geworben werden.

Mikro-, Meso- und Massen-Kommunikation: Von der Ausdifferenzierung des gegenwärtigen Angebots zur Neuordnung gesellschaftlicher Mitteilungen

Die theoretische Rückbindung an Luhmanns Definitionen von Organisationen als spezifischer Ordnungsebene der Gesellschaft ermöglicht fern der bloßen Zuschreibung der öffentlichen Textwelt, „zwischen“ Mikro- und Makrokommunikation zu liegen, die Identifikation eines eigenen Typs von Kommunikation. Meso-Kommunikation wird daher (in Kapitel 4) nach der Diskussion der menschlichen Kommunikationsmöglichkeiten (Kapitel 3) als relevante, analog und digital genutzte Kommunikations­größe definiert: Sie beruht auf Adressabilität (analog zu der organisations­typischen Mitgliedschaft) und weist darüber hinaus eine identifizierbare (über lokale Gegebenheiten, virtuelle Adressen) Teilnehmer-konstellation auf; für deren lokal verortbare, ggfalls zeitungebundene Ansprache ist Medienmaterial unabdingbar. Diese Eigenschaften teilen die öffentlichen Kommunikate mit meso-kommunikativen Interaktionsformen wie Gottesdiensten, Demonstrationen, Public Viewing – gerade das öffentliche gemeinsame Schauen von Massen­kommunikation (dem Fußballspiel, der Papst- oder Bundestagswahl zB.) umfasst Wechsel­wirkungen zwischen Meso- und Massen-Kommunikation. Die strukturellen Ähnlichkeiten der öffentlichen Textwelt mit Meso-Kommunikation in sozialen Netzwerken mit virtueller sozialer (über Accounts, Profile) Adressabilität, dadurch über­schaubarer (und nicht unbekannter) Teilnehmeranzahl und mit medial geprägten Räumen der Interaktion und Rezeption, erscheinen evident – und noch unbeschrieben.

Inhaltlich kann Meso-Kommunikation als Typus von Kommunikation verbunden werden mit Themen wie Urbanisierung, Privatisierung des öffentlichen Raumes und Gentrifizierung: Sie prägen die Erforschung von Meso-Kommunikation in Städten/Stadtteilen mit und lassen weiter fragen: Wer ‚betextet‘ den öffentlichen Raum? Wer wird an welchen Orten der Stadt als gesellschaftlicher Akteur wahrnehmbar? Welche kommunikativen Praktiken – Aushänge, Plakate, Aufkleber, Graffiti u.a. – werden dabei von einzelnen sozialen Gruppen genutzt? Zudem ermöglicht das hier skizzierte Potential meso-kommunikativer Formen weitergehende Überlegungen: Graffiti und öffentliche Anschriebe in gesellschaftlichen Umbruchssituationen (etwa im „Arabischen Frühling“ oder in Griechenland) nutzen ortsgebundene Meso-Kommunikation und (neue) Formen der kommunikativen Aneignung öffentlicher Plätze (u.a. des Tahrir Platzes); sie adressieren damit zunächst lokal Anwesende, im Anschluss erfolgt oft die massenmediale Verbreitung. Meso-Kommunikation erscheint als Abgrenzung und Erweiterung zu (klassischer) massenmedialer Berichterstattung sowie in der Wechselwirkung von ortsgebundenen Formen (Graffiti an Häuserfassaden Athens) und virtueller Weitergabe (ein Bild davon gepostet bei Facebook) als relevanter Teil gegenwärtiger Kommunikationsmöglichkeiten. In den Blick gerät so: Wer nutzt zu welchem Zweck mikro-, meso- und massenkommunikative Praktiken? Und welche sozialen und organisationalen (Neu-)Ordnungen gehen mit diesem breiten Angebot einher?

Dass fern von individueller und massenhafter Kommunikation für bestimmte (teil-)öffentliche Zwecke Meso-Kommunikation zunehmend genutzt wird und den öffentlich begehbaren Raum als mediatisierten wahrnehmen und beschreiben lässt, steht als Erkenntnis der vorgestellten Überlegungen somit vor weiteren.

Literatur

Augé, Marc (1994): Orte und Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit. Frankfurt a. M.: Fischer. [Non-Lieux. Introduction à une an­thro­­pologie de la surmodernité, 1992]

Bühler, Karl (41982): Sprachtheorie. Stuttgart: Lucius & Lucius. [1934]

Certeau, Michel de (1988): Kunst des Handelns. Berlin: Merve. [L’invention du quotidien. Vol. 1: Arts de Faire, 1980]

Garfinkel, Harold (1996): Studies in Ethnomethodology. Cambridge: Polity Press. [1967]

Goffman, Erving (1971): Das Individuum im öffentlichen Austausch – Mikro­stu­di­en zur öffentlichen Ordnung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp. [Relations in Pub­lic: Microstudies of the Public Order, 1971]

Holly, Werner (2011): Medien, Kommunikationsformen, Textsortenfamilien. In: Habscheid, Stephan (Hrsg.): Textsorten, Handlungsmuster, Oberflächen: Lin­guistische Typologien der Kom­munikation. Berlin, New York: de Gruy­ter, 144–163.

Jäger, Ludwig (2010): Intermedialität – Intramedialität – Transkriptivität. Über­le­gungen zu einigen Prinzipien der kulturellen Semiosis. In: Deppermann, Ar­nulf/Linke, Angelika (Hrsg.): Sprache intermedial. Stimme und Schrift, Bild und Ton. Jahrbuch des Instituts für deutsche Sprache 2009. Berlin, New York: de Gruyter, 301–323.

Luhmann, Niklas (21996): Die Realität der Massenmedien. 2., erweiterte Auf­la­ge. Opladen: Westdeutscher Verlag. [1995]

Luhmann, Niklas (2000): Organisation und Entscheidung. Opladen: West­deutsch­er Verlag.

Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen Bildwissenschaft. Köln: Halem.

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Dieser Artikel wurde verfasst von Christine Domke

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